Sonntagsgedanken zur Erzählung der Berufung des Simon Petrus für den 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2020

boot auf dem See
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Er weckt mich alle Morgen
(EG 452, Text: Jochen Klepper)

Er weckt mich alle Morgen, / Er weckt mir selbst das Ohr. / Gott hält sich nicht verborgen, / führt mir den Tag empor, / daß ich mit Seinem Worte / begrüß das neue Licht. / Schon an der Dämmrung Pforte / ist Er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, / da Er die Welt erschuf. / Da schweigen Angst und Klage; / nichts gilt mehr als Sein Ruf. / Das Wort der ewgen Treue, / die Gott uns Menschen schwört, / erfahre ich aufs neue / so, wie ein Jünger hört.

Er will mich früh umhüllen / mit Seinem Wort und Licht, / verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht; / will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag. / Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag.

 

Predigt (Lk 5, 1-11)

Müde von der Nachtschicht saß Simon auf einem Stein am Ufer des Sees. Jakobus reichte ihm eines der Netze und sie fingen an, die Netze zu waschen und für den nächsten Fang vorzubereiten. Auch Johannes, der Bruder von Jakobus, kam dazu und half ihnen. Schweigend arbeiteten die Männer vor sich hin. Keinen einzigen Fisch hatten sie diese Nacht gefangen. Simon fragte sich im Stillen, wo der Fehler gelegen hatte. Er war wohl einfach kein besonders talentierter Fischer. Gut, meistens reichte der Fang um ganz gut zu überleben, aber heute Nacht hatte sich mal wieder gezeigt, dass er im Fischereigeschäft wohl keine Karriere mehr machen würde.

„Schau mal, da kommt Jesus“, sagte Jakobus plötzlich. Simon blickte auf. Er kannte Jesus schon aus der Synagoge. Neulich hatte er ihn auch zu sich nach Hause eingeladen. Jesus war sein Gast gewesen und konnte auch seiner Schwiegermutter helfen. Nun kam er in den Morgenstunden zum See und wie immer folgte ihm das halbe Dorf. Die beiden Männer grüßten sich.

„Sag mal Simon“, sagte Jesus, „kannst du mich mit deinem Boot ein wenig auf den See hinaus fahren? Dann können mich die Leute besser verstehen, wenn ich von Gott erzähle.“ „Klar“, sagte Simon, „wir verstauen nur noch schnell die Netze im Boot.“ Simon ruderte Jesus ein Stück auf den See hinaus, während Jakobus und Johannes mit der Menschenmenge am Ufer zurück blieben. Simon hörte Jesus predigen und bewunderte seine Redegewandtheit und die liebevolle Art mit der er Menschen begeistern konnte. Als die Kühle des Morgens verschwand und die Sonne immer höher stieg, beendete Jesus seine Predigt und die Menschen gingen ihren Tagesgeschäften nach. „Weißt du, was wir jetzt machen?“, fragte Jesus Simon, „Wir fahren nochmal auf den See zum Fischen!“ Simon musste lachen. Das passte zu diesem verrückten Wanderprediger: In der beginnenden Mittagshitze zu fischen! „Naja, wir haben die ganze Nacht nichts gefangen, ich sehe wenig Chancen, dass es uns mitten am Tag gelingt.“, sagte Simon. „Aber gut, wenn du meinst – probieren wir unser Glück!“, fügte er hinzu und ruderte weiter auf den See hinaus.

 

Als Simon wieder in die Ruder griff stand Jakobus am Ufer auf und machte sich bereit ihm dabei zu helfen das Boot wieder zu vertäuen. Doch auf einmal hielt er inne. „Was machen die da?“, fragte er auf einmal verwundert. „Das sieht so aus, als würden sie weiter raus auf den See fahren.“, antwortete Johannes. Die beiden beobachteten, wie Simon auf einmal ein Netz in den See warf.„Spinnt der!?“, rief Jakobus, „mit einem Boot alleine kann er das Netz doch nicht zurück ziehen!“ Johannes lachte. „Entspann dich, Jakobus, um diese Uhrzeit fangen die doch eh nichts.“ Auf einmal sahen die beiden, wie Simon ihnen wild winkte. Er schrie irgendwas. „Was ruft der da?“, fragte Jakobus verwundert. Johannes lauschte angestrengt: „Irgendwas mit Fische und voll – Nein, das gibt es doch nicht! Schnell, Jakobus, wir müssen ihm helfen! Das Netz ist voll!“

Jetzt ging alles ganz schnell. Jakobus und Johannes ruderten Simon zur Hilfe. Die Netze drohten zu zerreißen, aber gemeinsam schafften sie es die Fische in ihre Boote zu wuchten. Was für ein Wunder! Völlig fassungslos saßen Jakobus und Johannes in ihrem Boot, voll mit fetten, zappelnden und silbrig glitzernden Fischen. Im anderen Boot ging Simon erschöpft in die Knie, machte sich ganz klein. „Geh weg, Jesus, bitte.“, sagte Simon. „Du bist zu großem bestimmt, aber ich bin ein erfolgloser Fischer. Ich hab schon so viele Fehler gemacht und ich kenne mich: Ich bin nicht der Typ, der besonders fromm und treu ist. Du machst mir Angst. Geh, bitte.“

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Liebe Gemeinde, die Begegnung zwischen Simon und dem Wanderprediger Jesus hat eine erstaunliche Wendung genommen. Das Wunder vom Fischzug zeigt an, wozu Simon berufen werden soll. Aber bei Simon löst das Wunder Zweifel und Schrecken aus.  Doch Jesus nimmt die Furcht Simons ernst. Am Ende der Erzählung heißt es im Bibeltext: „Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“

Auf einmal scheint alles klar zu sein: Simon ist zur Menschenfischerei berufen, er verlässt sein bisheriges Leben und ist von nun an ein Jünger Jesu. Die Eindeutigkeit der Berufung, die kompromisslose Nachfolge, die im letzten Vers anklingt – das überfordert mich. Mit meinen Glaubenserfahrungen heute hat das wenig zu tun. Die Geschichte lässt mich mit dem Gefühl zurück, meine eigene, unaufgeregte Geschichte mit Gott reicht nicht für die „richtige“ Nachfolge.

Aber gerade mit meinen Anfragen und Zweifeln, was die Nachfolge Jesu ist, bin ich Simon sehr nah. Er weist Jesus erst einmal deutlich zurück. Vielleicht aus Furcht vor dem Unbekannten, aus Unsicherheit, was da auf ihn zukommt. Vielleicht stecken in dem Schrecken auch tiefe Selbstzweifel, ob er, der erfolglose Fischer sich wirklich zum Kreis eines so inspirierenden und machtvollen Mannes wie Jesus zählen kann.

Hier kommt die Geschichte meinen Erfahrungen auf ganz nah:
Der Zweifel um die Frage nach dem eigenen Weg. Die Angst vor den Konsequenzen. Die Unsicherheit über die eigene Entscheidung. Das Gefühl, Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Die Frage: Was wäre passiert, wenn ich mich anders entschieden hätte?

Jesus bleibt. Er wendet sich nicht ab von Simon. Er nimmt die Zweifel und Ängste ernst und sagt: „Fürchte dich nicht!“ Simons Nachfolge nimmt nicht im Wunderbare und Eindeutigen ihren Anfang, sondern in der Unsicherheit und dem ermutigenden Zuspruch: „Fürchte dich nicht!“

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„Bist du dir sicher, Simon?“, fragte ihn seine Schwiegermutter am Abend. Aber Simon war sich sicher: Morgen würde er mit Jesus weiterziehen. Und so lag er auf seinem Bett und ließ sich die Ereignisse des Tages noch einmal durch den Kopf gehen. Er konnte es schwer beschreiben, was den Auslöser gegeben hatte. Aber es lag in den Worten Jesu „Fürchte dich nicht!“. Er spürte, wie Jesus ihn mit diesen drei Worten ernst nahm, seine Zweifel nicht runter spielte. „Ja, Jesus ist ein großartiger Mann“, dachte Simon. „Und er weiß um meine Fehler und verurteilt mich nicht dafür.“ „Fürchte dich nicht!“, die Stimme klang noch in seinem Kopf und in seinem Herzen nach. So viel schwang in diesen drei Worten mit! Simon dachte an Abraham, zum dem Gott gesagt hatte: „Fürchte dich nicht!“ Und er dachte an Mose, der beim Durchzug durch das Schilfmeer dem Volk zurief: „Fürchtet euch nicht!“ Und er hörte den Prophet Jesaja sagen: „Fürchte dich nicht!“

Diese Worte hatten was verändert. Sie gaben ihm Mut und Kraft sich auf das Unbekannte einzulassen.Und sie gaben Simon das Gefühl, dass nicht er Jesus folgen würde, sondern Jesus vielmehr für ihn, Simon, da sein wird.

„Fürchte dich nicht!“

Amen.

(Vikarin H. Rößner)