Sonntagsgedanken vom 15. November 2020

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.                     
2. Korinther, 5, 10a

Liebe Gemeinde,

am Ende des Kirchenjahres denken Christen an ihre Verantwortung vor Gott.
Bei Lukas im 16. Kapitel finden wir das Wort für den Vorletzten Sonntag:
Jesus  sprach zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.
Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.  Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Dieses seltsame Gleichnis, liebe Gemeinde, ist nicht einfach zu verstehen: Warum lobt der Herr den betrügerischen Verwalter für sein Handeln? Sollen wir uns daran etwa ein Beispiel nehmen?
Den Weg zum Verständnis weist Martin Luther. In einer Predigt vom August 1522 über eben dieses Gleichnis sagt er: „Es haben sich viele hart bekümmert, was der unrechte Haushalter sei, dass Christus ihn so lobt. Aber kurz und einfach ist die Antwort, dass Christus uns den Haushalter nicht vorhält wegen seines Unrechts, sondern wegen seiner Weisheit, dass er mitten im Unrecht so weise seinen Nutzen schafft.“

Jesus will als, liebe Gemeinde, zum einen auf die Klugheit verweisen.
Sie besteht schlicht darin, dass er die Zeit nutzt, die ihm bleibt. Er ist sich über seine Lage im Klaren. Er weiß, dass er in der Klemme sitzt. Seine Zukunft ist gefährdet. Aber er kapituliert nicht, gibt nicht auf, er versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Die Sorge vor dem, was ihm blüht, lähmt ihn nicht, sondern er ergreift – in zugegeben problematischer Weise – die letzte Chance.
So betrügerisch der ungetreue Verwalter uns auch erscheint: Er hat in der Krise, in der er war, die kurze Zeit, die ihm blieb, genutzt – für sich selbst und für die Schuldner seines Herrn. Er hat nicht vorgehabt, alles richtig zu machen – das war angesichts seines Charakters auch kaum zu erwarten. Er hat schlicht seine Haut gerettet, und wenn ihm das dadurch gelungen ist, dass er anderen auch noch Gutes tat, dann wäre man fast versucht zu sagen: umso besser. Und so gebraucht Jesus das Beispiel des untreuen Verwalters, um zu zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lassen und die Zeit nutzen soll.
Dieses Beispiel gibt Jesus seinen Jüngern zur Vorbereitung auf die Zeit nach seiner Verhaftung und Tötung bzw. nach seiner Himmelfahrt.

  • Er will sie aufrütteln, damit sie sehen, wenn sie in der Welt ohne ihn bestehen wollen, dann müssen sie sich auskennen, wie die Welt funktioniert  und lebensklug handeln.
  • Dann müssen sie damit rechnen, dass ihre Nächstenliebe ausgenutzt wird, dass die sog. Kinder der Welt ihren eigenen Vorteil im Sinn haben.
  • Dann wird man ihnen nicht überall den roten Teppich ausrollen, wenn sie kommen und von Jesus und dem Reich Gottes predigen, sondern sie müssen mit Ablehnung, Verachtung oder sogar Gewalt rechnen.
  • Möglicherweise wird es den Jüngern auch schwerfallen, sich als Wanderprediger ohne Heim und geregeltes Einkommen, abhängig von den Wohltaten der anderen über Wasser zu halten. Wenn Jesus nicht mehr da ist, geht es ihnen ähnlich wie dem entlassenen Verwalter in unserem Gleichnis: sie stehen ohne Sicherheit da.

„Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“, so rät Christus seinen Jüngern und damit auch uns als Christen.
Wenn wir Beispiel geben wollen von unserem Glauben, dann müssen wir uns aufraffen, statt die Hände in den Schoß zu legen und auf Gottes rettende Hand zu warten.
Wie oft reden wir uns aber ein, nichts tun zu können? Dass alles keinen Zweck hat?Wie oft haben wir das Gefühl, Ungerechtigkeiten gegenüber ausgeliefert zu sein?


Wie heißt es so schön: es gibt nichts Gutes, außer man tut es!
Vielleicht kann uns das seltsame Gleichnis vom ungetreuen Verwalter in einer guten Weise daran erinnern, dass wir eben immer auch Kinder der Welt sind, verstrickt in die Dinge der Welt und in die Nöte jedes einzelnen Tages. Und da kann man dann wahrscheinlich gar nicht immer alles richtig machen.

 

Liebe Gemeinde,

Ich komme zum zweiten, was Jesus uns mit dem Gleichnis sagen will: Wie kann ich mich, auch wenn meine Weste nicht weiß ist, vor dem Richterstuhl Christi verantworten?


Ich denke, das ist wahrscheinlich nur möglich, weil wir darauf vertrauen können, dass Gott uns liebevoll mit Barmherzigkeit begegnet. Darauf hoffen wir als Christen: Schuldenschnitt, Vergebung, Rettung, Neuanfang.
In gewisser Weise hat ja schon der untreue Verwalter in seiner Not genau das praktiziert, was zwar nach den Maßstäben dieser Welt gewiss nicht gerecht ist, was aber am Anfang von Gottes neuer Welt steht: Er hat Schulden erlassen, damit sich und die Schuldner gerettet und damit die Voraussetzung für einen Neuanfang geschaffen.


Und Gott, der um fünfzig Eimer Öl und um zwanzig Sack Weizen geprellte Großgrundbesitzer, bestätigt ihn genau darin, indem er den Verwalter am Ende lobt. Es kommt darauf an, geistesgegenwärtig zu sein und klug.
Aber den Mut zum Handeln, den findet man wohl mit Gottvertrauen am besten. Als Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass es gleich viel wert ist, ob ich zum Beispiel

  • mit stolz geschwellter Brust erklären kann: „Ich war professoraler Top-Performer an einer bedeutenden Universität“ oder
  • „Ich habe drei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen“, oder
  • ob ich sagen werde: „Ich hab‘ einen Quali gemacht und dann Bäcker gelernt“oder..

Liebe Gemeinde,


Es wird am Ende der barmherzige Gott sein, der seinen Kindern in Liebe begegnet,
der unsere Schuldscheine zerreißt. Und der uns trösten wird damit, dass wir Kinder des Lichts sind, egal, wie erfolgreich wir damit waren. Wenn wir darauf vertrauen, wird es uns am Ende gut gehen!

Amen.

Gebet
Gott, du Quelle, der Barmherzigkeit
Du bist in unserer Mitte.
Aus den Augen der Hungrigen und Verachteten schaust du uns an.
Mit den Verwundeten leidest du,
und die Toten überlässt du nicht dem Dunkel.
Bewege uns, deiner Not nicht auszuweichen.
Rühre uns an durch deinen Heiligen Geist
Und verwandle die Welt durch die Liebe Christi.

Amen.