Sonntagsgedanken am 30. August 2020: Von Lebensbaustellen und ihrem Fundament

Baustelle Freundinnen
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Liebe Gemeinde,

wer Haus und Garten besitzt, der besitzt auch Verantwortung und jede Menge Arbeit. Im Garten muss der Rasen gemäht, der Zaun gestrichen, die Blumen gegossen oder das Gartentor geölt werden. Im Haus geht es dann weiter mit dem Wasserhahn, der tropft, dem Wespennest unterm Dach, den neuen Fließen für das Bad oder der kaputten Heizung. Manchmal da schaut man sich auch in der eigenen Wohnung um und wundert sich mit einem Mal, wie man jemals eine derartige Tapete oder Wandfarbe schick finden konnte.
Und so wird aussortiert, renoviert, abgerissen und neu aufgebaut.

Doch am Anfang jedes Hauses, jeder Baustelle, da steht das Fundament.
Als ich hierher kam, da fand ich es beeindruckend Menschen begegnen zu dürfen, die mit ihren eigenen Händen das Fundament für diese Kirche ausgehoben haben. Das war der Anfang eines Kirchenbaus in Schwarzenbruck.
Das Fundament eines Bauwerkes ist sein Anfang und zugleich der feste Halt. Wie umgreifend eine Renovierung auch sein mag – das Fundament bleibt. So braucht jede Baustelle zunächst ein gutes Fundament, sonst bricht alles in sich zusammen.

Was Hausbesitzer erleben, das lässt sich auch auf unser Leben übertragen.
Unser Leben ist auch so eine Baustelle. Veränderungen fordern uns heraus, uns neuen Umständen anzupassen. Jeden Tag gestalten wir unser Leben, bauen an unserem Lebenshaus.
Vielleicht gibt es eine Beziehung in unserem Leben, die renovierungsbedürftig ist:
„Ich muss mich dringend mal wieder bei meiner alten Freundin melden, sonst verläuft die Beziehung noch ganz im Sand.“
Oder man merkt, dass eine Kernsanierung ansteht, weil etwas in die völlig falsche Richtung läuft:
„Ich halte es nicht mehr aus jeden Abend völlig erschöpft und unglücklich ins Bett zu gehen. Ich muss etwas verändern.“
Oder aber man wünscht sich ein neues Zimmer, einen Anbau für das eigene Lebenshaus:
„Ich wollte doch schon immer einmal den Malkurs an der Volkshochschule besuchen! Mal wieder etwas Neues lernen, neue Erfahrungen und Ideen sammeln!“

Springen wir von unseren Lebensbaustellen in das Jahr 54 n. Chr. zu Paulus.
Vor kurzen hat Paulus die Gemeinde in Korinth gegründet. Er hat geholfen das Fundament für die Gemeinde, den Glauben an Jesus Christus, zu legen. Dann ist Paulus weiter nach Ephesus gezogen. Aber den Kontakt nach Korinth, den pflegt er weiterhin. Regelmäßig erhält Paulus Briefe aus Korinth, die ihn über das Gemeindeleben auf dem Laufenden halten. Doch in letzter Zeit sind es vor allem Beschwerden, die ihn erreichen.
Die eine Gruppe beschwert sich über die andere. Man ist sich uneins über so viele Dinge des Gemeindelebens und des Glaubens: Wie soll man Abendmahl feiern? Wie soll man sich als Christ oder Christin ethisch korrekt verhalten? Oder: Wie ist das mit der Auferstehung der Toten zu verstehen?

Ich stelle mir vor, wie in Paulus - als er all die Fragen und Beschwerden vor sich hat - ein Bild entsteht.
Es ist das Bild einer Baustelle: Die Gemeinde in Korinth gleicht einer großen Baustelle auf der sich Handwerker und Architekten, Lieferanten und Finanziers uneins sind, wie Gemeinde gebaut werden soll. Jede und jeder baut an der Gemeinde, wie er oder sie es aus dem eignen Glauben heraus, aus persönlicher Überzeugung, für richtig hält. Dabei bleiben Einheitlichkeit und eine klare Linie auch mal auf der Strecke.
Bevor nun Paulus in seinem Antwortbrief (der uns im Neuen Testament als 1. Brief an die Korinther erhalten ist) die Fragen der Korinther beantwortet, greift er das Bild von der Baustelle auf. Und er erinnert die Korinther in ihrem Streit an ihr gemeinsames Fundament: Jesus Christus.

So schreibt Paulus:
Ihr seid Gottes Ackerland – oder besser: Gottes Bauwerk.
10 Weil Gott mich in seiner Gnade dazu befähigt hat, konnte ich als weiser Bauleiter das Fundament legen. Jetzt baut ein anderer darauf weiter. Aber jeder muss aufpassen, wie er weiterbaut.
11 Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.
12 Es spielt keine Rolle, womit auf dem Fundament weitergebaut wird: mit Gold, Silber oder Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh.
13 Es wird sich zeigen, was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist. Der Tag des Gerichts wird es aufdecken, denn mit Feuer wird er hereinbrechen: Das Feuer wird prüfen, wie das Werk eines jeden Einzelnen beschaffen ist. 14 Wenn das Werk, das jemand erbaut hat, dem Feuer standhält, wird er belohnt. 15 Verbrennt das Werk, wird er seinen Lohn verlieren. Er wird zwar gerettet werden – aber nur wie jemand, der gerade noch dem Feuer entkommen ist.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in eurer Mitte wohnt? 17 Wer den Tempel Gottes zugrunde richtet, den wird Gott zugrunde richten.
Denn der Tempel Gottes ist heilig. Und dieser Tempel seid ihr. (1. Kor 3, 9-17)

Die Verschiedenartigkeit, mit der gebaut wird, die beschreibt Paulus mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh. Es ist eine bunte Mischung an Baumaterial und Schmuckelementen. Auffällig ist dabei die Spannbreite an Geldwert, die bei diesen symbolischen Materialien mitschwingt.
Interessant finde ich, dass Paulus keine eigene Wertigkeit einträgt, welches Baumaterial besser oder schlechter wäre. Paulus erkennt an, dass es verschiedene Baumaterialien, also verschiedene Ideen und Umsetzungen von Gemeinde und Kirche, geben kann. In dem Streitpunkt „Was ist besser, was ist schlechter?“ maßt sich Paulus selbst kein Urteil an. Paulus sagt: Das Urteil steht Gott zu. Ihm allein sollten wir das auch überlassen. Und das können wir im Vertrauen darauf tun, dass Gott auch die Bauwerke retten wird, die weniger nachhaltig und beständig errichtet wurden.

Und dann schreibt Paulus: Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in eurer Mitte wohnt?
Ein Tempel ist der Verbindungsort zwischen Gott und Mensch. Dort wird die Lücke zwischen Himmel und Erde geschlossen. Ein Tempel ist ein Ort, an dem Gott und Mensch sich begegnen können.
Das Bauwerk Gemeinde besteht aus vielen und verschiedenen solcher Begegnungsräume. Sie zu bauen und zu gestalten, das ist die Aufgabe für uns als Gemeinde.
Begegnung zwischen Gott und Mensch entsteht, wenn Menschen ihr Herz öffnen für die Wirklichkeit Gottes. Wenn Gott sie anrührt und sie sich berühren lassen, sich die Augen und Ohren öffnen lassen für Gott. So wie wir es im Evangelium gehört haben: Der Taubstumme lässt sich von Jesus anrühren und die Ohren öffnen. (vgl. Mk 7, 31-37)
Wo offene Ohren füreinander da sind, zwischen Gott und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Mensch, da öffnet sich ein Raum der Begegnung.
Wo finden wir solche Räume bei uns in der Gemeinde, hier in Schwarzenbruck?

Ich erlebe das zum Beispiel bei Geburtstagsbesuchen, wenn die Besuchten anfangen ihre ganz persönlichen Fragen und Anfragen an Gott und den Glauben zu stellen und im gemeinsamen Gebet auf einmal etwas spürbar ist von der anrührenden Kraft Gottes.
Oder nach einer Chorprobe, wenn wir uns bei Bier und Sekt in eine tiefe Diskussion über Gott und Mensch verzetteln.
Vielleicht tut sich auch ein Raum der Gottesbegegnung auf, wenn eine Familie in Schwarzenbruck den Kindergottesdienst für Zuhause von unserer Homepage herunterlädt und die liebevoll erzählte Bibelgeschichte liest.
Oder wenn jemand die offene Kirche nutzt und eine Kerze anzündet.
Es sind viele unterschiedliche Räume, die zum Bauwerk unserer Gemeinde gehören. Welche Räume werden wir weiterhin bauen? Wo können wir Türen öffnen für eine Begegnung zwischen Gott und Mensch?

Manche Räume sind sich vielleicht ähnlich, andere ganz anders.
Aber bei uns gilt, wie auch schon bei den Korinthern, alle unsere Räume haben ein und dasselbe Fundament: Jesus Christus. Wir können bauen und renovieren, weil wir uns um das Fundament keine Sorgen machen müssen. Christus trägt uns.
Und manchmal, ja, da er-trägt er uns auch. Christus erträgt uns in unseren unterschiedlichen Sichtweisen auf Gemeinde und in unserem Ringen umeinander.
Trotz allem gilt, was Paulus sagt: Wir sind ein Tempel Gottes, ein Bauwerk – oder besser eine Baustelle -, wo sich Gott und Mensch begegnen können.

Nun schwingt in dem Text von Paulus nicht nur die Ebene der Gemeinde mit, sondern das Bild betrifft auch jedes einzelne Leben. Damit bin ich noch einmal bei den Lebensbaustellen vom Anfang der Predigt.
Auch für unsere Lebensbaustellen gilt:
„Niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.“
Oft, da spüren wir das Fundament ganz selbstverständlich. So, dass wir es kaum bemerken. Wie die Schwerkraft ist es einfach da und gibt uns Halt. Wie der Boden unter den Füßen trägt es uns.

Doch es gibt die Situationen, da scheint es uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen:
In einem fensterlosen Raum spricht ein Praktikant dem langjährigen Firmenmitarbeiter die unerwartete Kündigung aus.
Oder:
Sachlich und distanziert legt die Ärztin dar, dass der Patient noch 3 Monate Lebenserwartung hat.
Oder:
Nach 30 Jahren scheinbar glücklicher Ehe fliegt die jahrelange Affäre auf.

Drei beispielhafte Situationen, in denen es unser Leben aus den Angel hebt.
In denen wir den Halt verlieren und das Gefühl haben abzustürzen.
„Da hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“
Vielleicht sind das ja Momente, in denen Christus anfängt uns zu tragen. Da spüren wir den Boden nicht mehr, weil wir auf seinen Schultern sitzen. Und wenn wir dann, behutsam und vorsichtig, Schritt vor Schritt setzen, dann machen wir die Erfahrung, dass der feste Boden unter den Füßen wieder kommt.
Das Fundament bleibt.

Sicherlich stehen nach lebensverändernden Ereignissen Umbauten in unserem Lebenshaus an. Der Tod verschließt manche Räume unwiederbringlich. Da müssen wir umbauen. Auch ein Arbeitstellenwechsel ist ein Umbau. Und manchmal, z.B. mit der Geburt eines Kindes oder mit einer neuen Freundschaft, kommt ein neuer Raum zu unserem Lebenshaus hinzu.

Ja, unser Leben gleicht einer ewigen Baustelle. Und dabei ist das Betreten der Baustelle ausdrücklich erlaubt!
Wir können unser Leben gestalten, denn wir haben ein sicheres Fundament: Jesus Christus.
Das gilt nicht nur für uns als Gemeinde, das gilt auch für jedes einzelne unserer Lebenshäuser.
Christus ist mein Fundament, Anfang und Halt meines Lebens.
Auf ihn kann ich bauen, er trägt und erträgt mich, er ist ein sicherer Fels.

Und so bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.