Sonntagsgedanken am 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) am 16.08.

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, das er zum Erbe erwählt hat!
Psalm 33, 12

Psalm 122
Ich freute mich über die, die mir sagten:
lasset uns ziehen zum Hause des Herrn!
Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem. Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll, wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des Herrn, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des Herrn.
Denn dort stehen Throne zum Gericht, die Throne des Hauses David. Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben!
Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.
Um des Hauses des Herrn willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen. Amen


Sonntagsgedanken

das Bild habe ich 2014 auf den Hirtenfeldern über Bethlehem aufgenommen. Hier haben wir auf einer Pilgerreise nach Israel Station gemacht und haben einen Gottesdienst an der Stelle gefeiert, wo einst die Hirten den Stern über Bethlehem entdeckt haben und sich auf den Weg machten, um zu sehen, was da geschehen war.

Wir befanden uns auf israelischem Territorium, Bethlehem gehört zu den Palästinensischen Gebieten. Die dazwischen im Tal liegende Mauer, durch die die Palästinenser auf ihrem Gebiet eingesperrt werden, sieht man nicht. Dafür links im Vordergrund eine der Neubausiedlungen, die jüdische Siedler rechtswidrig auf palästinensischem Gebiet errichtet haben. Auf der rechten Seite sieht man in der Entfernung Bethlehem. Dieses Bild hat nichts mit der Weihnachtsromantik und dem Weihnachtsfrieden zu tun. Israel will dieses Gebiet jetzt annektieren, die USA haben das „Go“ noch nicht gegeben. Gerade gestern wurde bekannt, dass Israel diese Pläne ausgesetzt hat wegen einer Vereinbarung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Doch damit sind diese Pläne nicht vom Tisch, wie Netanjahu noch gestern betonte. Gerade wegen der schon damals mit Händen zu greifenden Spannung wird das einer der unvergesslichsten Gottesdienste bleiben, die ich jemals mitgefeiert habe.

Seit dem Holocaust ist die Unterstützung Israels deutsche Staatsraison. Doch wenn man solches Verhalten Israels hört oder sieht, bekommt man als Staatsbürger Zweifel an der unverbrüchlichen Treue, die wir Israel geschworen haben.
➢    Darf man das 75 Jahre nach dem Holocaust heute fragen oder setzt man sich schon mit einer solchen Frage dem Vorwurf des Antisemitismus oder des Rassismus aus?
➢    Zur Zeit herrscht darüber eine öffentliche Diskussion und man muss vorsichtig sein mit seinen Äußerungen.
Auch als Christ kann man sich Fragen stellen:
     Wie gehen denn die Juden mit den Christen im Heiligen Land um? Da waren in den letzten Jahren zunehmend Übergriffe strenggläubiger Juden auf christlichen Einrichtungen.
     Haben nicht die Juden Jesus getötet? Sollen die Juden denn auch erlöst werden, obwohl sie Jesus Christus ablehnen?

Hören wir an dieser Stelle den Apostel Paulus im Römerbrief:
Römer 11,25-32
Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist.
Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Liebe Gemeinde,
wie meistens in den Episteln des Apostels Paulus müssen wir uns intensiv damit auseinandersetzen, um den Sinn zu erfassen zu können.

Wie wir aus dem Alten Testament wissen, hat Gott das Volk Israel auserwählt, es zu seinem Volk gemacht. Er hat es aus der ägyptischen Gefangenschaft gegen den Widerstand des Pharao durch das Rote Meer hinausgeführt. Er hat mit dem Volk Israel auf dem Berg Sinai einen Bund geschlossen und ihnen die 10 Gebote gegeben. Und er hat ihnen das Land Kanaan geschenkt.

Aus dem Volk Israel ist aber auch Jesus hervorgegangen, Gottes Sohn, unser Herr.
➢    Ist durch seinen Tod am Kreuz, an das ihn die Juden geschlagen haben, nun Gottes Erwählung des Volkes Israel als sein Volk zu Ende gegangen?
➢    Hat Gott sein Volk damit fallen gelassen?
➢    Werden auch die Juden am Ende der Zeit Gottes Barmherzigkeit erfahren?

Genau mit dieser Frage quält sich Paulus als gelehrter Jude ab. Für ihn ist es nach seinem Wandel vom Saulus zum Paulus einerseits so, als hätten sich mit Jesus Christus all die Verheißungen Gottes erfüllt. Aber andererseits sieht er, dass die meisten Juden das gar nicht erkennen, dass sie Jesus Christus ablehnen. Und so ihre Rettung durch Gott aufs Spiel setzen.

Und tatsächlich wurden Jerusalem und der Tempel im Jahr 70 nach Christus total zerstört.

Liebe Gemeinde,
kann uns das Verhältnis zu den Juden nicht egal sein? Wir sind Christen, wir sind von Gott erwählt. Wir gehören zu Christus. Das reicht. Und die Juden, die anderen, die interessieren uns nicht.

So ähnlich muss es schon in Rom geklungen haben. Mehr noch, vielleicht hat man damals schon gesagt: Gott hat sein Volk verlassen. Er hat sich ein neues gesucht, die Christen. Er hat sein Volk verstoßen. Diesmal endgültig.

Paulus widerspricht im Römerbrief vehement:
Denkt doch nur: wenn Gott Israel nicht treu wäre und treu bliebe – dann könnten wir uns auf ihn auch nicht verlassen. Wenn er Israel nicht treu ist - wieso sollte er dann uns treu sein?

Nein, sagt der Apostel Paulus – es ist anders. Ein Geheimnis, ein Mysterium. Aber ihr müsst es kennenlernen.

Israels Heil und unsere Erlösung, unsere Rettung, die hängen untrennbar zusammen. Wir gehören untrennbar zusammen.

Der Apostel Paulus kündigt an, dass ganz Israel gerettet werden wird und beruft sich auf die Prophezeiungen von Gottes Boten Jesaja und Jeremia:

»Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Jesus ist die Klammer, die uns Christen mit dem Judentum verbindet.

Jesus war ein jüdischer Mensch, ein echter Jude. Er lebte in der Tradition seiner Väter und Vorväter. Jesu war beschnitten. Seine Gottesdienste und seine Gebete in der Synagoge waren jüdisch, wie man zum Beispiel in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel kennt.

Er hielt die Tradition der Wallfahrtsfeste und pilgerte regelmäßig nach Jerusalem, zum Pessach-Fest (Erntefest), zum Wochenfest Schawuot und zum Laubhüttenfest, bei dem die Juden ihre Freiheit nach dem Zug durch die Wüste feiern.

Auch sein Doppelgebot der Liebe, von dem wir heute aus dem Evangelium gehört haben, nämlich dass wir Gott über alles lieben sollen und unsere Nächsten, wie uns selbst, stammt nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus dem Alten Testament.

Unsere Wurzel liegt also im Judentum. Und diese Wurzel trägt uns.

Liebe Gemeinde,
Wie kann nun Israel gerettet werden? Das Geheimnis liegt in dem letzten Satz unseres Predigttextes. Da heißt es: Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Ja, was soll das heißen?

Wenn man diesen merkwürdigen Satz verstehen will, muss man mit dem zweiten Teil anfangen. Um sich aller zu erbarmen!

Gott erbarmt sich aller. Darüber hat er selbst uns durch Jesus Christus Bescheid gesagt, indem er selbst sich in diesem seinem lieben Sohn für uns dahin gegeben hat, ein Mensch, der unser Bruder geworden ist. Das ist die Tat und in dieser Tat liegt das Wort von Gottes Erbarmen über alle. Daran dürfen und sollen wir uns halten, damit immer wieder neu anfangen, wir alle heute hier. Dass Gott sich unser erbarmt, heißt einfach: dass er trotzdem zu uns ja sagt, dass er trotzdem an uns festhalten will, trotz aller unserer Fehler, Schwächen und Sünden unser Gott sein will. Trotzdem: Weil wir das nämlich nicht verdient haben, weil er streng genommen zu uns eigentlich Nein sagen müsste. Er ist aber nicht gegen uns, sondern für uns. Das ist Gottes Erbarmen. Und deshalb können auch wir heute getrost innehalten in dieser Erkenntnis und Verheißung: ich bin auch einer von diesen Allen. Gott hat sich auch meiner erbarmt. Gott hat zu allen Menschen Ja gesagt, also auch zu meinem Nachbarn, selbst zu dem, über den ich mich ärgere, und zu dem, der sich mir als Gegner in den Weg stellt. Auch dieser Andere ist einer, zu dem Gott ja gesagt hat und über den er sich auch erbarmt hat.