Predigt zum Sonntag Invocavit am 21.02.2021

Ein Lied zu Psalm 91: https://youtu.be/9UbJzM8vUJQ

Predigttext (Joh 13, 21-30):
21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte
und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird
mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und
ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer
unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte
Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es
wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und
fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den
Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein
und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem
Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das
tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29
Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu
ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen
etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er
alsbald hinaus. Und es war Nacht.

 

Predigt
Was für ein Auftakt! Was für eine Szene! Wir befinden uns in Jerusalem, es ist Nacht. Jesus sitzt mit seinen Jüngern ein letztes Mal beisammen. Es ist der dramatischer Auftakt der Passion. Kein schönes letztes Beisammensein, sondern die Nacht des Verrats.

Unschön ist auch die Szene des letzten Abendmahls, wie Emil Nolde sie malt (Link zum Bild: Emil Nolde, Abendmahl, 1909)
Um einen Tisch herum sitzen eng aneinander gedrängt dreizehn Menschen. Sie sitzen im Halbkreis, sodass wir in ihre Tischrunde hineinschauen können. Aber die Lücke, die uns den Blick in die Runde ermöglicht, ist dennoch geschlossen. Denn die Person am linken Bildrand streckt ihren Arm nach rechts und ergreift die Hand einer Person, die wir nur mit dem Rücken sehen.
Wir sehen: Die Menschen an diesem Tisch sitzen nicht einfach nur eng bei einander.
Sie sind eng miteinander verbunden. Ihre Blicke und Gesten stellen eine enge Verbindung untereinander her.
Durch die Lücke am vorderen Bildrand fällt unser Blick auf einen Menschen, in einem weißen Untergewand, heller gemalt als die anderen. Es ist Jesus, der mit seinen Jüngern ein letztes Mal zu Tisch sitzt.

Ich stelle mir vor, wie er in dem Bild gleich den Becher zur Seite stellt, in die Runde blickt und sagt:
„Einer von euch wird mich verraten.“
Stille. Der Satz sitzt.
So eng miteinander verbunden, so viele gemeinsame Erlebnisse und doch: Verrat.

Wer ist der Verräter?
Die Person, die besonders freundschaftlich einen Arm um die andere legt?
Der Jünger, der oben links im Bild nur noch ganz schwer im Dunkel erkennbar ist und seinen Kopf nach außen weggedreht hat?
Oder ist es der Jünger, der Jesus über die Schulter schaut und genau zu beobachten scheint, was vor sich geht?

Bei Nolde finde ich – anders als bei Abendmahlsdarstellungen anderer Künstler – keinen sicheren Hinweis darauf, welcher Jünger wer ist. Einer wird Jesus verraten und jeder könnte der Verräter sein. Vielleicht erschrecken die Jünger deshalb so.
Im Text wird erzählt, wie Simon Petrus nun den Lieblingsjünger vorschickt. Also den Jünger, von dem es hier heißt: „den hatte Jesus lieb“. Der Lieblingsjünger liegt an der Brust Jesu, er liegt ihm am Herzen. Und er soll nun Jesus fragen wer der Verräter sei.
Dieser Lieblingsjünger ist im Johannesevan-gelium eine mysteriöse Gestalt, die immer wieder auftaucht. Wen meint das Johannesevangelium damit? Eine gängige Interpretation ist: Der Lieblingsjünger steht für die Kirche. Und nun fragt also die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Jesus am Herzen liegt: Herr, wer von uns ist der Verräter?
Ich staune darüber, welch eine Selbsterkenntnis in diesem Satz steckt! Niemand bestreitet, dass es einen Verräter gibt. Niemand versucht sich heraus zu reden. Die Frage ist schlicht: „Wer von uns ist es?“ Der Lieblingsjünger erkennt, dass auch die Gemeinschaft der Heiligen fehlbar ist und nicht vor Verrat gefeit.

Jede und jeder könnte zum Verräter werden.
Zum Beispiel wenn der Mut nachlässt für den eigenen Glauben einzustehen.
Wenn die Kraft fehlt sich an Gott zu halten, auf ihn zu vertrauen.
Jede und jeder könnte es sein, wenn das Streben nach Geld oder Macht vor dem Gebot der Liebe steht.
„Wer ist's?“

Das Thema, das wie ein Titel über diesem Sonntag steht, ist das Thema der Versuchung. Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus in Versuchung gerät auf jemand anders als Gott zu vertrauen.
Und hier, im Predigttext, da erliegt Judas – ja - welcher Versuchung eigentlich?
Ging es ihm um Geld? Oder um eine handfeste Revolution? Denkt er, er tut das Richtige? Immerhin – Jesus hält ihn ja nicht auf, sondern lässt ihn gehen. Das ist eines der großen Rätsel in dieser Geschichte und im Schicksal Judas'. Jesus lässt ihn gehen und auch sonst hindert ihn niemand aus der Gemeinschaft.
Aber seitdem hat Verrat einen Namen: Judas. Ein Name, so tiefgreifend mit Verrat verbunden, dass er als Vorname verboten ist. Das Standesamt akzeptiert ihn nicht. Judas ist ein Name, mit dem man das Kindeswohl gefährdet sieht. Judas dient als das „Feinbild“, als die Negativfolie, die sagt: Das ist der Böse.
Doch ich denke, damit werden wir Judas, dem Jünger Jesu, nicht gerecht. So einfach schwarz-weiß ist unsere Welt nicht.

Wir wissen, wie schwer es oft ist, eine richtige Entscheidung zu treffen. Es ist nicht einfach zu entscheiden, ob etwas gut, also förderlich und heilsam ist. Oder ob es böse ist, also hinderlich oder gar zerstörerisch ist. Oft können wir das erst im Rückblick sehen und allzu oft erst dann, wenn es zu spät ist.
Aber, was auch immer Judas auf seinen tragischen Weg geführt haben mag – am Ende verrät er seine Freunde und Jesus und wird mit seinem Leben an diesem Verrat scheitern. Judas wird sich das Leben nehmen, nachdem er vom Todesurteil Jesu erfährt.

Ich kann mir vorstellen, wie die Jünger Jesu auch nach der Auferstehung die Frage umgetrieben hat: Was ist mit Judas passiert?
Warum hat er das getan? Sie kannten ihn ja gut. Sie hatten ihm ihr Geld anvertraut. Im Text heißt es: „Er hatte den Beutel“, also den Geldbeutel. Judas war ein Schatzmeister und Freund gewesen. Und dann hat er sie alle verraten.
Was ist da passiert?
Immer wieder erleben wir, dass Böses geschieht. Dass wir verletzt und enttäuscht werden, dass wir andere verletzen. Manchmal auch mit voller Absicht.
Die Bibel gibt diesem Handeln, das dem Leben schadet, an einigen Stellen einen Namen: Satan, Widersacher oder Teufel.
Die Erzählung von der Versuchung Jesu, die wir als Evangelium gehört haben, lässt diesen Widersacher sehr lebendig, wie eine Person auftreten. Er spricht und verhandelt mit Jesus, versucht ihn.
Dieser Widersacher scheint auch der Grund für den Verrat des Judas zu sein. So deuten es die neutestamentlichen Autoren.
Das personifizierte Böse ist für sie der Ursprung des Verrats. Im Rückblick wird sein Handeln damit gedeutet.
Mit dem Bild des Satans versuchen Menschen zu begreifen, warum es das Böse gibt. Aber ich fürchte, diese Fragen werden wir nie ganz lösen können. Und der Teufel ist nur eine mögliche Interpretation, ein Versuch, das Böse irgendwie greifbar und begreifbar zu machen.

Doch in einem können wir uns ganz sicher sein: Jesus überwindet das Böse. Mit Liebe und im Gebet.
Nachdem Judas den Raum verlassen hat und bevor die Jünger in den Garten Gethsemane gehen, da sagt Jesus:
„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 13,34)
Im Moment der Krise der Gemeinschaft, da hält Jesus die Liebe zu Gott und untereinander hoch. Die Liebe der Gemeinschaft, die gerade verraten wird. Aber Jesus gibt sie nicht auf. Er schmeißt nicht alles hin und sieht sich an seinen Idealen gescheitert. Im Gegenteil, er geht den Weg der Liebe weiter. Bis ans Kreuz.
Doch vorher, da gibt Jesus der Gemeinschaft noch letzte Worte mit auf dem Weg. Das Johannesevangelium hat einen langen Redeblock zwischen der Szene des Verrats und der Szene im Garten Gethsemane.
In der Rede fallen Spitzensätze wie:
„Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich!“
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“
„Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Jesus zeigt: wir können uns an ihm anlehnen, wie der Lieblingsjünger an seinem Herzen. An seinem Herzen, da verliert das Böse seinen totalen Anspruch, seine Macht und so auch den Schrecken.

Schauen wir noch einmal auf das Bild von Nolde. Nein, es ist kein schönes Bild. Keine schöne Szene. Und was macht Jesus in der Nacht des Verrats? In der Mitte der Gemeinschaft hat Jesus die Hände um einen Krug gelegt wie zum Gebet gefaltet. Über dem weißen Gewand trägt er einen roten Mantel. Das Gesicht wirkt konzentriert. Die Augen sind geschlossen, der Mund scheinbar leicht geöffnet.
Er betet. Und vielleicht ist es das Gebet, das ihn ins Licht rückt.
Denn im Gebet schauen wir auf Gott, das Licht, und die Dunkelheit weicht zurück.
Amen.