Wohlbehütet & Stockverliebt

Mann mit Stock und Hut
Bildrechte: H. Hach auf Pixabay

Ich klingel an der Tür und weiß nicht, was mich erwartet. Ich bin ein paar Jahre jünger als heute, eine Studentin in Tübingen. Seit kurzem arbeite ich in der Demenzbetreuung und heute lerne ich einen neuen Klienten und seine Frau kennen. Herr Wohlfahrt leidet seit einigen Monaten an Demenz und findet sich immer schwerer zurecht.

Seine Frau öffnet mir die Tür und bittet mich herein. Wir trinken Kaffee und unterhalten uns. Die Beiden erzählen von der Krankheit und den Schwierigkeiten im Alltag. Ich bin gerührt, wie liebevoll das Ehepaar miteinander umgeht.

Doch dann wird es ernst. Herr Wohlfahrt und ich sollen eine Runde spazieren gehen, um der Ehefrau etwas Zeit für sich zu schenken. Sie ist ganz aufgeregt, hilft ihrem Mann mit den Schnürsenkeln und in die Jacke hinein. Dann steht Herr Wohlfahrt angezogen im Flur. Er sieht verwirrt aus. Irgend-etwas passt noch nicht. Unsicher fragt er seine Frau: „Mein Hut? Mein Stock?“ Sie lächelt und reicht ihm beides.

Dann wendet sie sich mir zu und erklärt: „Wir verlassen das Haus immer wohlbehütet und stockverliebt!“ Der alte Mann lacht laut und fröhlich. Nun ist er bereit. Sicher und zufrieden steht er im Flur, in einer Hand seinen Spazierstock, auf dem Kopf seinen Hut. Wohlbehütet und stockverliebt. Oder ich würde sagen: Gesegnet.

Da war etwas spürbar von der Ruhe und der Kraft, die im Segen Gottes liegen. Mitten in der Wüstenzeit der Demenz-erkrankung.

 

Von einer Wüstenzeit erzählt auch das Alte Testament. Doch mitten in der Wüste schenkt Gott dem Volk Israel Segens-worte für seinen Weg:

„Und der Herr redete mit Mose und sprach: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ (4. Mose 6, 22-27)

Segen ist ein Wegbegleiter.

„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen.“ So singen wir in einem Geburtstagslied. Gottes Segen ist ein Wegbe-gleiter in den schönen, aber auch in den schweren Tagen. Immer wieder lassen wir uns an Meilensteinen oder Kreuzungen auf unserem Lebensweg den Segen Gottes zusprechen. Das beginnt mit der Taufe, dann an der Konfirmation, vielleicht bei der Hochzeit und zuletzt bei der Beerdigung. Der Segen steht auch am Ende jeden Gottes-dienstes. Sein Zuspruch bleibt, ihn nehmen wir mit, wenn wir die Kirche wieder verlassen.

Für die Wege, die vor uns liegen wünschen wir uns dann Gottes Schutz. „Der Herr segne und behüte dich“ heißt es in den alten Segensworten. Im Wort behüten steckt der Hut. Der Hut, der vor Sonne, Wind und Wetter schützt.

Herr Wohlfahrt ist wohlbehütet, trotz seiner Demenz. Und die ist nicht einfach weg. Aber mit dem Hut auf dem Kopf wird er ruhig, fühlt er sich sicher.

Herr Wohlfahrt steht bereit die Sicherheit seiner Wohnung zu verlassen und ist nicht nur wohlbehütet, sondern auch stockverliebt.

„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“ heißt es weiter im Segen. Gottes Angesicht leuchtet über uns, wie die Augen einer frischgebackenen Oma leuchten, wenn sie zum ersten Mal ihr neugeborenes Enkelkind ansieht!

Ja, Gott ist stockverliebt in uns. Unverbrüchlich. Ohne wenn und aber. Einfach so, weil wir leben.

Stockverliebt heißt für mich aber auch: Gottes Liebe ist ein Stock für mich. Der Stock, auf den ich mich stützen und verlassen kann. Die Liebe anderer Menschen zu uns kann wegbrechen. Aber Gottes Liebe bleibt. Sein Angesicht leuchtet über uns. Im Segen kann ich seine Liebe spüren.

Herr Wohlfahrt, wie er wohlbehütet und stockverliebt, bereit zum Aufbruch im Flur steht, ist für mich zu einem Bild von Segen geworden. Denn Segen ist: Gott geht mit. So gehen wir wohlbehütet und stockverliebt.

 

Gebet:

 

Behütender, liebender Gott,

lass mich heute neu erfahren, was du zugesagt hast:

Dass du bei mir bist.

Dass du zu mir stehst.

Dass du mich liebst.

Lege auf mich deinen Segen, erfülle mich mit tiefem Frieden.

Du segnest mich und ich will ein Segen sein.

Amen.