Sonntagsgedanken zum Erntedankfest am 04. Oktober 2020

Erntedank
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„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!
Du hast sie weise geordnet,
und die Erde ist voll deiner Güter!“
(Ps 104, 24)

Liebe Gemeinde,
kennen Sie Augenbohnen? Ihren Namen haben die Augenbohnen von dem kleinen schwarzen Fleck – dem Auge. Ansonsten sind sie glatt und weiß, man kann sie hier getrocknet kaufen, z.B. in der orientalischen Abteilung eines Supermarktes.
Augenbohnen sind in der jiddischen Tradition – also in einer bestimmten Form des Judentums – ein traditionelles Essen an Rosch Ha-Schana, dem jüdischen Neujahresfest. Im Judentum wird Neujahr im Herbst gefeiert, dieses Jahr war der Festtag am 19. September, also noch gar nicht so lange her.
Die Augenbohnen symbolisieren zusammen mit anderen Speisen die von Gott geschenkte Fülle des Lebens und seinen reichen Segen.
Gott schenkt uns die Fülle des Lebens – davon erzählt auch das Wunder von der Speisung der 4000:

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen. (Mk 8,1-9)

Gott schenkt uns die Fülle des Lebens, die guten und schönen Dinge, unser täglich Brot und noch viel mehr.
Doch manchmal, da haben wir gar keinen Blick dafür. Zu sehr drängt sich all das in den Vordergrund, worüber wir uns ärgern, was wir nicht können, was uns traurig macht. Erntedank erinnert uns an die Dankbarkeit. Und die Dankbarkeit kann unseren Blick verändern.
Ich denke, im heutigen Evangelium ist es sogar die Dankbarkeit, die das Wunder bewirkt. Bevor Jesus das Brot verteilt, dankt er Gott.
Wer dankbar ist weiß: Gott sorgt für mich. So kann Dankbarkeit Angst überwinden. Und wer aus Dankbarkeit teilt, der gibt etwas von der Fülle Gottes, von seinem Segen weiter.

Dankbarkeit ist etwas, das wir trainieren können. Zum Beispiel mit Augenbohnen. Dazu gibt es eine Geschichte:
Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte.
Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche.
Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.

Vielleicht haben Sie ein paar Bohnen zu Hause. Oder kleine Steinchen, Büroklammern, Murmeln oder sonst irgendwas.
Und vielleicht landet heute eine handvoll davon in Ihrer Hosentasche.
Am Abend können Ihnen die Bohnen etwas über das gute und schöne in Ihrem Leben, über die Fülle Gottes und seinen Segen erzählen.
Sie können sich die Augenbohnen-Momente des Tages noch einmal in Erinnerung rufen und enden mit:

Danke, Gott.
Amen.

Gebet

Gott,
du Schöpfer meines Lebens und dieser Erde,
du treuer menschenfreundlicher Herr,
ich bitte dich:
Lass mich deine Gegenwart spüren, ganz bei dir sein.
Lass meine Gedanken nicht abirren zu schlechtem Reden und Denken.
Befreie mich von allem, was mir selbst und den Menschen um mich herum schaden kann.
In der Stille lade ich bei dir ab, was mich belastet.

Erbarme dich meiner, Herr.
Auf dich setze ich meine Hoffnung.
Führe fort, was ich begonnen habe,
umfange, was misslungen ist,
schaffe Ordnung in aller Unordnung,
Ruhe in aller Unruhe.
Umhülle mich mit deinem Segen
und lass mein Leben gelingen -
den Menschen zum Segen und dir zur Ehre!

Amen.

Anmerkung:

In der Kirche stehen Schälchen mit Augenbohnen für Sie bereit. Gerne können Sie sich hier bedienen und im Selbstversuch die Achtsamkeit für die schönen Momente des Lebens trainieren.