Predigt zum Sonntag Rogate am 09.05.2021

Hände
Bildrechte: Gerd Altmann auf Pixabay

Liedtipp:

https://www.youtube.com/watch?v=_Hcbr7zSFw4 

 

Irgendwo in Deutschland, 1627

Wir befinden uns im 30jährigen Krieg. Es ist Nacht auf einem einsamen Bauernhof. Neben dem Bauernhaus steht ein Planwagen. Dort sitzt Kattrin, von Geburt an stumm.

Plötzlich überfallen Soldaten das Bauernhaus. Sie haben sich durch den Wald geschlichen, ihr Ziel ist die Stadt. Auch eine Kanone haben sie dabei. Kattrin und die Bauersfamilie werden zusammengetrieben. Die Bäuerin sagt zur stummen Kattrin: „Bete, armes Tier, bete! Wir können nix machen gegen das Blutvergießen. Aber wenn du schon nicht reden kannst – beten kannst doch!“

Die zu Tode geängstigten Leute knien zwischen den drohenden Soldaten nieder, und Kattrin hinter ihnen auch. Sie beten: „Vater unser, der du bist im Himmel, hör unser Gebet, lass die Stadt nicht umkommen mit allen, die drin sind und schlummern und ahnen nix ...“ 

Während sie weiterbeten, steht Kattrin lautlos auf, schleicht zum Wagen, klettert auf das Dach des Wagens und fängt dort oben an, mit aller Kraft auf eine Trommel zu schlagen.

Die Soldaten toben vor Wut – Katrin trommelt weiter.

Sie drohen den Wagen anzuzünden – Kattrin trommelt weiter.

Sie versprechen Kattrin Schonung für sich und die Mutter – Kattrin trommelt weiter.

Die Soldaten richten die Gewehre auf sie – und mitten im Trommeln wird Kattrin erschossen.

Mit einem Schlag ist es totenstill. 

Dann donnern die Kanonen aus der Stadt. Die Menschen dort sind durch das Trommeln aufgewacht – die Stadt ist gerettet.

 

Schwarzenbruck, Mai 2021

Vor kurzem habe ich mit einer werdenden Mutter telefoniert. Sie ist hochschwanger, bald kommt ihr drittes Kind auf die Welt.

Sie erzählte von dem Abendritual mit ihrem ältesten Sohn, der sieben Jahre alt ist. Am Abend besprechen die beiden, was den Tag über passiert ist. Danach beten sie gemeinsam das Gute-Nacht-Gebet und dann geht die Mutter, damit das Kind schlafen kann.

Seit kurzem hat der Sohn das Ritual aber erweitert. Mit einem Mal fiel ihm ein: Wer betet eigentlich mit dem ungeborenen Baby? Damit auch das Baby in Mamas Bauch gut schlafen kann? Seitdem macht er das. Jeden Abend betet er mit dem Babybauch. Im festen Vertrauen darauf, dass sein ungeborenes Geschwisterchen dann auch gut und ruhig schlafen kann.

Was für eine rührende Szene!

Und dann sagt die Mutter noch, halb augenzwinkernd, halb erschöpft: „Wenn das nur so wäre, dass das Baby danach ruhig ist...“

 

Babylon, ungefähr 600 vor Christus.

Sie sind die Fremden. Anderer Glaube, andere Sprache, sie gehören nicht dazu. Sie: Das sind die Exilanten aus Jerusalem.

Die gebildete Oberschicht, nach der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels wurden sie ins ferne Babylon verschleppt.

Unter ihnen ein junger Mann. Er bangt um seine Heimatstadt. Er betet: 

Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige deine Ohren, mein Gott und höre, tu deine Augen auf und sie unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist!“ (Dan 9,17f)

Sein Name ist Daniel. Sie kennen ihn vielleicht aus Geschichten wie „Daniel in der Löwengrube“.

Oder aus der Geschichte mit der Schrift an der Wand, dem Menetekel, das allein der kluge und gottesfürchtige Daniel entziffern kann.

Das Danielbuch setzt sich mit der Zerstörung Jerusalems im 5. Jahrhundert vor Christus und dem Exil in Babylon auseinander. Zerstörung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit – diese Gefühlslagen bilden die Hintergrundfolie für das Auftreten des apokalyptischen Propheten Daniel. Die Botschaft Daniels in dieser Zeit lautet: Alle menschliche Herrschaft wird enden, aber Gottes Reich bleibt in Ewigkeit.

Daniel weiß, dass der Mensch in dieser Welt immer wieder schuldhaft handelt. Ohne Schuld kommt kein Mensch und keine menschliche Herrschaft aus. Deshalb setzt Daniel sein Vertrauen letzendlich auf Gott und betet weiter:

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“(Dan 9,18)

 

Liebe Gemeinde,

Worauf ich vertraue, dort bitte ich um Hilfe.

Der Siebenjährige Junge vertraut darauf, dass sein Gebet auch dem ungeborenen Geschwisterchen helfen kann. Während die Mutter ahnt, dass es mit dem Beten nicht ganz so einfach ist.

Kattrin, aus Berthold Brechts Theaterstück „Mutter Courage“, vertraut lieber auf ihre eigene Tatkraft, als auf bloße Worte und lässt ihr Leben um andere zu retten.

Daniel vertraut auf Gottes Barmherzigkeit: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ (Dan 9,18)

 

Menschen beten zu jeder Zeit und auf der ganzen Welt – und was passiert? 

Die zweifelnden Stimme in uns mag da wohl fragen: Was hilft es also zu beten?

Ich bin auf ein Gedicht aus der islamischen Mystik gestoßen, das zeigt wie Zweifel an der Wirksamkeit des Gebetes und zugleich die Erfahrung von Gottes Nähe beim Beten, oft Hand in Hand gehen:

 

O Gott!, rief einer viele Nächte lang,

Und süß ward ihm sein Mund von diesem Klang.

Viel rufst du wohl, sprach Satan voller Spott.

Wo bleibt die Antwort ›Hier bin Ich!‹ von Gott?

Nein, keine Antwort kommt vom Thron herab!

Wie lange schreist du noch ›O Gott!‹? Lass ab!

Ja, das war schon immer das Hauptargument gegen Beten:

Beten ist nur Selbstgesprach, und darauf gibt es keine Antwort.

Aber dann hat der Rufer einen Traum, er hort so etwas wie die Stimme Gottes oder des eigenen Herzens, und die sagt:

Dein Ruf ›O Gott!‹ ist Mein Ruf: ›Ich bin hier!‹

Dein Schmerz und Fleh’n ist Botschaft doch von mir,

Und all dein Streben, um mich zu erreichen

 Dass ich zu mir dich ziehe, ist’s ein Zeichen.

Dein Liebesschmerz ist meine Huld fur dich –

Im Ruf ›O Gott!‹ sind hundert ›Hier bin ich!‹ 

(Mohammad Dschalaleddin) [übersetzt Annemarie Schimmel] 

 

Beten ist etwas geheimnisvolles:

Im Gebet wird unser Rufen nach Gott, Gottes Stimme selbst. Wir spüren und hören ihn in uns.

Das ist Gottes Barmherzigkeit. 

Sie zeigt sich in seiner liebevollen Gegenwart, ganz nah bei uns, ja in uns. 

Als spürbare Zuversicht im Herzen. 

Als das Aufatmen der Seele. 

Als freundliche Hand, die Hilfe anbietet. 

Als gutes Wort im richigen Moment.

 

Auch Daniel erfährt in seinem Gebet die Gegenwart Gottes.Der Bibeltext erzählt, dass Daniel nun erlebt, wie der Engel Gabriel, Gottes Stimme, zu ihm tritt und spricht: „Als du anfingst zu beten, hat Gott mich zu dir geschickt, denn du bist von Gott geliebt.“

Im Gebet spürt Daniel die Liebe Gottes, er weiß sich umfangen von seiner Barmherzigkeit.

Das Gebet hat ihm auch in der Löwengrube Kraft gegeben, die Bedrohung auszuhalten.

 

Das ist das Geheimnis des Betens: Im Beten spüren wir Gottes barmherzige und liebevolle Gegenwart.

Wie das Beten konkret aussieht – das ist sehr vielseitig: 

danken, loben, bitten, flehen, 

reden, hören, fragen, verstehen, 

in eigenen Worten, mit den Worten anderer oder auch schweigen, 

- ja selbst Atmen, kann ein Gebet sein.

Und ich möchte hinzufügen: auch trommeln.

Amen.

 

Linktipp:

Tagzeitengebet für den Alltag

https://www.churchconvention.de/cc/wp-content/uploads/2015/04/lebensliturgie_tagzeitengebete.pdf