Gedanken zur Jahreslosung 2020 und 2021

Steine auf Feld
Bildrechte: Gabriele Gerndt

Er schenke uns Frieden und Hoffnung. Amen

Im Erbarmen leuchtet uns Gott
1. Was für ein Jahr liegt hinter uns! Ein  schlimmes Jahr, das die Menschen in unserem Land – die Menschheit im Ganzen an den Rand des Abgrunds gebracht hat. 2020 wird sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen: Eine Pandemie bisher unbekannten Ausmaßes hat die Erde heimgesucht. Zehntausende Menschenleben hat das Corona-Virus gefordert. Ja, COVID-19 hat sich wie ein unsichtbarer Schatten über unsere Welt gelegt und dabei ein unvorstellbares Maß an Zerstörung angerichtet. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden und Folgen sind noch nicht überwunden und werden uns noch auf Jahre hin beschäftigen; von den menschlichen Tragödien ganz zu schweigen!
Viele von uns sind an ihre Grenzen gestoßen – manch eine/r wohl auch weit darüber hinaus! Auch der Glaube zahlreicher Menschen wurde auf eine harte Probe gestellt. Niemand konnte zu Beginn dieses Jahres ahnen, dass die Jahreslosung 2020 von derart existentieller Bedeutung sein würde: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“ (Mk 9,24).

Den Glauben an Gott „hat“ man nicht, wie man einen Gegenstand hat. Und wenn man an einem Tag von der Schönheit der Welt und des eigenen Lebens berührt ist und Gott dafür dankt, kann es sein, dass man am nächsten Tag wieder Zweifel bekommt. Und dann  erzählen die Nachrichten uns etwas, was man kaum glauben mag und was den eigenen Glauben erschüttert. Diesen Glaubensweg, der wie ein dauernder Seiltanz ist, beschreibt die Jahreslosung (Mk. 9,24) des zu Ende gehenden Jahres. Da seufzt ein Mensch vor Jesus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“.

 

2. Unser Glaube an Gott und unsere Hoffnung auf ein behütetes Leben sind nicht verfügbar; auch nicht in unseren Herzen.
Der Glaube ist immer nachdenkliche Arbeit und immer wieder die Frage: Was hat das, was ich erlebe, mit Gott zu tun? Sehe ich ihn, fühle ich ihn? Und wenn ich Unheil erlebe, was hat Gott dann damit zu tun?
Da geht es uns nicht anders als den Menschen zur Zeit Jesu. Petrus zweifelt, die Jünger laufen weg, als es ernst wird, sie retten ihre eigene Haut, wie wir das nennen. Es ist manchmal schwer, morgen noch zu den Überzeugungen von gestern zu stehen. Wir wissen vielleicht, was richtig ist – aber deswegen tun wir es ja noch lange nicht. Wir hören und wissen vielleicht, dass Gott barmherzig und gütig ist, aber dann erfahren wir es oft nicht oder meinen jedenfalls, es nicht zu erfahren – und spüren nur einen abwesenden und dunklen Gott. Für viele ist er in dieser Krise zum verborgenen Gottgeworden. Gibt es einen Weg, mit diesen Zweifeln und Verstörungen, mit diesen Sorgen und Ängsten zu leben, auch im neuen Jahr zu leben, gut zu leben?

 

3. Ja, den gibt es. Wenn unser Glaube wackelt, wenn ich das mal so nennen darf, dann gibt es immer noch das richtige Tun. Davon spricht Jesus auch. Manches Tun kann nicht falsch sein, weil Jesus es auch tut. In der Jahreslosung vom kommenden Jahr (Luk. 6,36) steht das eindeutig: „Jesus Christus sagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Daran kann man sich halten, auch wenn sich der Glaube verdunkelt. Ich mag an der Güte Gottes zweifeln, aber ich bewahre mir meine Güte, mein Erbarmen.                                                                                Es ist ein guter Rat, den Jesus hier ausspricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Es ist nicht alles gut und richtig, was Menschen tun oder was ich tue. Ich kann aber immer barmherzig damit umgehen. Das heißt nicht, dass ich alles in Ordnung finde und billige; es heißt aber, dass ich Menschen achte, auch wenn sie Fehler machen. Lassen Sie uns  Barmherzigkeit üben in Worten und Taten. Auch im Erbarmen leuchtet uns Gott in unser Leben. in unseren Alltag.

Wir stehen an der Schwelle der Zeit. Wir legen das, was gewesen ist, in Gottes Hand. Das Gute und das Schwere. Und vor dem Aufbruch in das neue Jahr hören wir tröstliche Zusage: Gott wird uns auch in den kommenden 365 Tagen und Nächten auf Schritt und Tritt begleiten mit seinem Erbarmen. Diese Zusage ist kein Glücks- oder Erfolgsversprechen; keine Garantie, dass wir vor Unheil oder Gefahr verschont bleiben werden; keine Versicherung – sondern eine Vergewisserung! Gott begleitet uns – darauf dürfen wir vertrauen. Dabei traut Gott uns zu, dass wir unseren eigenen Weg finden und einschlagen – und mit offenen Augen und Ohren, mit Herz und Verstand darauf achten: Wo, wann, durch wen und wie er uns Wegbegleitung und Lebenshilfe zukommen lässt! Gerade in diesen Krisenzeiten. Gottvertrauen ist eine Lebenshaltung – und wo immer und durch wen auch immer wir im kommenden Jahr Lebenshilfe, Hilfe zum Leben erfahren und Kraft und Hoffnung für die kommenden Wochen und Monate; wo und durch wen auch immer uns etwas „klar“ wird, wir Perspektive gewissen – da dürfen wir getrost Gott am Werk wissen!

So wünsche ich uns, so wünsche ich Ihnen, dass Sie mit dieser Vergewisserung voller Hoffnung und Zuversicht ins neue Jahr hineingehen können.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Zeichen seiner Gegenwart immer wieder, bei ganz verschiedenen Gelegenheiten und Gegebenheiten, auf ganz unterschiedliche und mitunter überraschende Weise erleben und für sich entdecken. Gott ist und bleibt barmherzig uns zugewandt. Gott zieht auch im kommenden Jahr vor uns her, bei Tag und bei Nacht!            
Gabriele Gerndt, Pfarrerin

 

Gebet
Unser Gott, du bist Anfang und Ende, Herr aller Zeiten.
Am Ende des Jahres bringen wir dir unseren Dank für alle guten Zeiten, die du uns geschenkt hast und die Kraft in den schweren Momenten.
Wir bitten dich: Erhalte uns die Erinnerungen an Gutes und Schönes aus diesem Jahr. Und wir bitten dich für uns und alle Menschen, die manches erleiden und erdulden mussten in den letzten Monaten:   
Schenke den Gehetzten Geduld, den schuldig Gewordenen Vergebung, den Verletzten Heilung, den Weinenden Trost,
den Kranken Gesundheit und den Trauernden Hoffnung,
den Verstorbenen ewiges Leben.
Wir vertrauen dass wir von deinen guten Mächten geborgen sind.
Mit Dir gehen wir in das neue  Jahr . Schenke uns deinen Segen und deine Bewahrung. Denn du bist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Amen

Der Segen Gottes geleite uns in das neue Jahr, er lasse sein Angesicht über uns leuchten, dass wir frei werden für alles Neue.